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Die jiddische Sprache als Minderheitenrecht. Zu einem wenig bekannten Aspekt der Pariser Friedenskonferenz 1919.

Eine der großen Tragödien des 20. Jahrhunderts besteht im Scheitern der Demokratisierung Mittel- und Osteuropas nach dem 1. Weltkrieg und dem Überhandnehmen des extremen Nationalismus, unter dem besonders die nationalen und religiösen Minderheiten zu leiden hatten. Dabei fehlte es ursprünglich nicht am guten Willen oder zumindest an Willensbekundungen für eine gerechte neue europäische Staatenordnung. Die Frage der Minderheitenrechte wurde bereits in den Friedensverhandlungen in den Pariser Vororten berücksichtigt. So wurde etwa in die Friedensverträge mit Polen und Litauen entsprechende Passagen betreffend die Anerkennung der Existenz der jüdischen Minderheit und ihrer besonderen religiösen und kulturellen Bedürfnisse aufgenommen. Das war ein wichtiger moralischer Erfolg für die jüdischen Parteien und Kulturorganisationen, die auf die Verwirklichung einer jüdischen "Kulturautonomie" setzten. Jüdische Organisationen hatten sich im "Comité des delegations juives" organisiert, um ihren Forderungen Gehör zu verschaffen. Zu den Mitgliedern des Komitees gehörte auch der Mediziner und zionistische Politiker Joseph Leib Tenenbaum (1887-1961) aus Galizien. Seine Schriften sind eine interessante Quelle über diese Verhandlungen.


Dr. Thomas Soxberger, geb. 1965. Mag. phil. in Judaistik/Geschichte Universität Wien, dann MA in Yiddish Studies, SOAS, London University. Schloss eine Dissertation an der Universität Wien mit dem Thema: Literatur und Politik – Moderne jiddische Literatur und "Jiddischismus" in Wien (1904 bis 1938). Seit 2000 Angestellter der Parlamentsdirektion Wien, derzeit als Redakteur der Parlamentskorrespondenz. Zuvor und nebenbei Arbeit in Forschungsprojekten. Konferenzbeiträge und Artikel zu jiddischer Literatur und Kultur und zu zeitgeschichtlichen Themen. Mehrere Übersetzungen aus dem Jiddischen. Publikationen u.a.: Nackte Lieder. Jiddische Literatur aus Wien 1915 - 1938. Mandelbaum Verlag, Wien 2008. Revolution am Donaukanal: Jiddische Kultur und Politik in Wien 1904 bis 1938. Mandelbaum Verlag, Wien 2012.

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