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Der rechtliche Diskurs über die frühe Beerdigung der Juden an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert

Hintergrund der Debatte über die ‚frühe Beerdigung‘ der Juden bildete einerseits das Interesse absolutistischer Staaten an der Erhaltung, Vermehrung und Nützlichmachung der Bevölkerung und andererseits der (soziale) Bedeutungsverlust von Religion, d.h. der Säkularisierungsprozess während des 18. Jahrhunderts. Esteres bedingte unter anderem verstärktes Augenmerk auf Hygiene und Gesundheit, während zweiterer die Herrschaft über den Tod von der Religion auf die Wissenschaft übertrug. Die Säkularisierung und Medikalisierung des Todes lösten eine (nicht nur) wissenschaftlich geführte Debatte über Scheintod aus, im Zuge derer den Kirchen unsachgemäße Behandlung der Leichen vorgeworfen und das Bestattungswesen zusehends auf staatliche Institutionen übertragen wurde. Da nunmehr der Verwesungsprozess als ultimatives Zeichen des Todes galt, erlangten die auf den neuen Friedhöfen am Stadtrand errichteten Aufbahrungshallen wesentliche Bedeutung.  Es ist somit wenig verwunderlich, dass der jüdische Brauch, die Toten am selben Tag zu beerdigen, sowohl sozial wie auch juridisch und politisch unter Druck geriet. Der Vortrag zeichnet zunächst den Konflikt zwischen jüdisch-religiöser und staatlicher Gesetzgebung nach und widmet sich darüber hinaus den gesellschaftspolitischen Implikationen dieser Auseinandersetzung innerhalb der jüdischen Bevölkerung.


Louise Hecht ist Senior Lecturer am Centrum judaistických studií Kurta a Ursuly Schubertových, FF Univerzity Palackého, Olomouc, CR. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der Jüdischen Geschichte Mitteleuropas ab der Frühen Neuzeit, der Jüdischen Presse, der Jüdischen Frauengeschichte in Mitteleuropa sowie im Israelischen Film. Auswahlpublikationen: Ein jüdischer Aufklärer in Böhmen: Der Pädagoge und Reformer Peter Beer (1758-1838), in Lebenswelten osteuropäischer Juden, Bd. 11, Köln 2008.; "The Haskalah in Bohemia and Moravia – a gendered perspective" in The Enlightenment in Bohemia: Religion, morality and multiculturalism, Ivo Cerman, Rita Krueger, Susan Reynolds (Eds.), Voltaire Foundation, Oxford 2011, p. 253-272.; "Tabak Barone und Trafikanten: Aspekte einer jüdische Kulturgeschichte des Tabaks in Böhmen und Mähren" in brücken: Germanistisches Jahrbuch 18/1-2 (2010), p. 203-223.

 

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