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Jüdische Stiftungen im Spannungsfeld zwischen Wohltätigkeit, Versorgung und Repräsentation

Dr. Dieter J. Hecht (Centrum für Jüdische Studien Graz/Universität Wien)

Als Fundament für jüdische Stiftungen diente die jüdische Tradition von Zedaka und Gemilut Chasadim. Die verschiedenen Traditionen der jüdischen Wohltätigkeit wurden im Mittelalter von dem Philosophen, Arzt und Rabbiner Moses Maimonides (1135-1204) kodifiziert und bildeten gemeinsam mit späteren diesbezüglichen religiösen Schriften eine wesentliche Grundlage für die Entwicklung der modernen jüdischen Sozialarbeit. Als höchste Form der Wohltätigkeit wurde dabei bereits von Maimonides die "Hilfe zur Selbsthilfe" angesehen. Private und kommunale jüdische Wohltätigkeit fand im Rahmen der autonomen jüdischen Gemeinden statt; diese unterhielten allgemeine Armenstiftungen, Stiftungen für (Waisen) Kinder, Stiftungen zur Aufbringung der Aussteuer für mittellose Mädchen, Stiftungen für Studienzwecken und Krankenstiftungen. Zwar beeinflusste die infolge der Herausbildung von Territorialstaaten entstanden weltlichen und überregionalen Einrichtungen auch die Entwicklung jüdischer Institutionen, die Situation in den einzelnen deutschen Territorialstaaten und Städten blieb jedoch unterschiedlich. Im 18. Jahrhundert entstanden sowohl in der jüdischen wie auch in der nichtjüdischen Gesellschaft Wohlfahrtseinrichtungen auf privater Basis. Sie bildeten den Kern einer erneuerten kommunalen Armenfürsorge, die Teil der bürgerlichen Emanzipation gegen den absolutistischen Staat und veralterte städtische Honoratiorenstrukturen waren.

Jüdische Familienstiftungen waren teil dieser Entwicklung. Zu den ältesten in Wien zählte die Wertheimer’sche Stiftung, von Samson Wertheimer per Testament von 1724 verfügt. Im Mittelpunkt der Stiftung stand die Begünstigung von Verwandten (Männer und Frauen) „in jedem Orte der Welt“. Sein Schwiegersohn, der mährische Landesrabbiner Bernd Gabriel Eskeles (1692-1753) stiftete in seinem Testament (gegen den Willen seiner Erben) u. a. Geld zur Unterstützung armer verwaister Mädchen und mittelloser jüdischer Studenten in Mähren. Beide transformierten die bis dahin lokal agierenden Stiftungen in überregionale Institutionen, deren Begünstigte einzelne Familienmitglieder bzw. Gemeindemitglieder waren. Im 18. Jahrhundert wurde religiöse Pflicht zunehmend durch gesellschaftliche Anerkennung abgelöst. So stiftete Wertheimer eine Summe Geldes, damit jedes Jahr zu seinem Todestag zehn Gelehrte an seinem Grab Gebete verrichten mögen. Teil der gesellschaftlichen Repräsentation war stets auch die Errichtung von Kranken- und Stiftungshäusern.

Familien wie die Wertheimers und die Eskeles verfügten nicht nur über ein beträchtliches Stiftungsvermögen, sondern über ein ausgedehntes familiäres Netzwerk in verschiedenen Territorien des Reiches. Die unterschiedliche Rechtssituation an verschiedenen geographischen Orten beeinflusste jedoch die Stellung und den Wirkungskreis der Stiftungen. Im vorgeschlagenen Projekt sollen jüdische Stiftungen in Wien und ihr Wirkungskreis in den Territorien des Reiches vom Tod Samuel Oppenheimers im Jahr 1703 bis zum Wiener Kongress in rechtlicher, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Hinsicht untersucht werden. Besonderes Augenmerk gilt hierbei Frauen als Stifterinnen, die erst um 1800 vermehrt auftraten. 

© Jüdisches Museum Wien
Porträt Samson Wertheimers, Landesrabbiner von Ungarn.
© Jüdisches Museum Wien / David Peters
Porträt der Cäcilie Freiin von Eskeles. Friedrich von Amerling, 1832. Germanisches Nationalmuseum Nürnberg.
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